Den Ball ins Netz spielen

Die Session zu den deutschen Fußball-Blogs auf der Re:publica 2010; von links nach rechts: Alexander Endl, Frédéric Valin, Johannes Ehrmann, Robert Burkhardt, Thorsten Feldmann, Ronny Schmelzer. Fotos (3) und Video: Tommy Heyn, Feed-Magazin (wir entschuldigen uns für die schlechte Bildqualität; wir wollten die Veranstaltung trotz der schlechten Lichtverhältnisse nicht mit unserem Fotoblitz stören).
Warum wird Deutschlands Fußball-Bloggern eigentlich das Leben so schwer gemacht? Weder seitens der Vereine und Verbände wird ihnen die Anerkennung zuteil, – die sie zweifelsohne verdienen: denn was da auf clubfans-united.de, mauertaktik.de oder indirekter-freistoss.de gepostet wird, ist sprachlich-inhaltlich oftmals um Etliches besser, als das, was in den meisten der von abgedroschenen Phrasen wimmelnden Spielberichten der alteingesessenen Sportjournallie zu lesen steht; und es findet sich hier zudem etwas, was man in den etablierten Medien in der Regel vergebens sucht: aufrichtige Anteilnahme und Herzblut. -
Noch auch die Kollegen der Internet-Gemeinde schenkten den online publizierenden Fußballfreunden bislang angemessen Beachtung. Ursprünglicher Anlass für den Workshop „Deutsches Fußball-Bloggen im Jahr der WM“ am zweiten Tag der diesjährigen Re:publica, über den hier berichtet wird, war nämlich ein vor Unkenntnis strotzendes Statement eines deutschen A-Bloggers im Rahmen eines prominent besetzten Panels der letztjährigen „rp09“: es gebe in Deutschland keine richtige Fußball-Blog-Szene. Alexander Endl („clubfans-united.de“) und Ronny Schmelzer („weserblog.de“), damals im Publikum, glaubten ihren Ohren nicht zutrauen. Das konnte so nicht stehen bleiben; und so organisierten sie auf der diesjährigen rp ihr eigenes Panel, in dem sie Frederic Valin („spreeblick.de“), Johannes Ehrmann („mauertaktik.de“ und „11Freunde“), Jurist und (Fußball-)Blogosphäre-Kenner Thorsten Feldmann („feldblog.de“) und von der Vereinsseite Hertha-Pressesprecher Robert Burkhardt als Gäste begrüßen konnten.
Beherrschende Themen der Diskussion waren die mangelnde Unterstützung der Blogger durch die Vereine – was etwa offizielle Stadion-Akkreditierungen, Gewährung von Interviews oder offizielles Bildmaterial angeht – und die rechtlichen Probleme, mit denen sich jeder Blogger und die Fußballer im Besonderen rumschlagen müssen: Welches Foto darf ich verwenden? Darf ich im Stadion selbst Bilder oder Videos aufnehmen und es dann zu Zwecken der Veröffentlichung verwenden? Darf man Vereinslogos verwenden? Die Regelungen sind hier oft unpraktisch und paradox (z. B. darf man inder Regel keine Kamera ins Stadion mitnehmen – Sache des Hausrechts des Vereins – wenn es mir aber gelingt, eine einzuschmuggeln und heimlich Aufnahmen zu machen, darf ich sie verwenden).
Die Zurückhaltung der Vereine in Sachen Logo-Freigabe wird nachvollziehbar, wenn Hertha-Sprecher Burkhardt von einem Fall berichtet, in dem das Hertha-Logo mit Nazi-Symbolen verunstaltet wurde. Seine Begründungen, weshalb Hertha Bloggern in der Regel keine Akkreditierungen erteilt („Bei uns ist die Pressetribüne immer voll gestopft“) oder in den Vereinsmedien kein Blogger-Content Eingang findet („es hat bei uns noch niemand angefragt“) klingen dann aber doch nach Ausreden.
Video-Mitschnitt: Robert Burkhardt, Pressesprecher von Hertha BSC Berlin, selbstkritisch zur rückständigen Haltung vieler Fußball-Vereine gegenüber dem Internet.
In den seltensten Fällen haben Vereine und Verbände die Zeichen der Zeit verstanden, und das Potential erkannt, das ihnen mit der Fußball-Blogger-Szene erwachsen ist. „Die Fans emanzipieren sich und suchen nach Ausdrucksformen, Plattformen und einer hörbaren Stimme – und die findet sich in Blogs, Foren und Social Web wieder“, wie Endl treffend eintrug (Endl.de). Den Vereinen stünde hier ein einzigartiger direkter Rückkanal zur Verfügung, der bei der Mobilisierung der Fans Unterstützung leisten und die Stadien wieder füllen helfen könnte, – was sowohl Bundesliga-Vereine als auch Kreisligisten bitter nötig hätten.
Wer aber der Online-Fankurve so übel mitspielt, wie der Baden-Württembergische Fußball-Verband, der dem User-Video-Portal Hartplatzhelden.de vergangenes Jahr bereits in zweiter Instanz den vermeintlichen „unlauteren Wettbewerb“ (ein absurder Vorwurf. Feldmann: „Meines Erachtens eine falsche Entscheidung. Wir werden sehen, ob das BGH das Urteil demnächst kassiert“) untersagt hat, muss sich nicht wundern, wenn ihm die Fans eines Tages die Rote Karte zeigen. An den Bloggern jedenfalls liegt es nicht; weder Oliver Fritsch von den Hartplatzhelden (dieses Jahr nicht auf der rp), noch Alexander Endl haben ein unbedingtes Interesse an einer Konfrontation: „Wir begegnen dem Verein immer mit Respekt“, sagte Endl zum Abschluss seines Re:publica-Workshops. „Und das ist es, was wir auch von der Gegenseite fordern: Respekt!“
8 Kommentare zu Den Ball ins Netz spielen
Schön, dass dieses Thema mal aufgegriffen wird. Es wird wohl noch ein Weilchen dauern, bis die Vereine das Potenzial der Fussballblogs erkennen. Das Statement des Hertha-Pressesprechers lässt ja schon mal hoffen… Mal was anderes: Das Video steht auf dem Kopf, hätte man da nicht noch was machen können???
Hi Lion, wir arbeiten dran; unser Webmaster versucht das Video zu drehen, auf Youtube hochzuladen und neu einzubinden. Kann sich nur um Minuten handeln…
Bei allem Verständnis bitte ich darum, den Ball flach zu halten. Dass Blogger in der Regel keine Stadion-Akkreditierung erhalten, ist vollkommen nachvollziehbar. Hier kommt ein grundsätzliches Problem zum Tragen: Blogger sind keine Journalisten! Auch wenn sie es vielleicht gerne wären. Man muss der Wahrheit ins Auge blicken: 95 % der Fußball-Blogs sind peinlicher Mist. Und niemand kann die Vereine dazu nötigen, bitte die berühmte Nadel im Heuhaufen zu erkennen und zu würdigen. Das muss von der anderen Seite aus passieren. Bestes Beispiel: schwatzgelb.de, vermutlich die beste Fan-Site der Rebublik. Deren Redakteure – und so kann man sie nennen, denn sie Qualität der Seite gibt das her, bekommen regelmäßig Akkreditierungen von Borussia Dortmund. Da gibt es keinerlei Probleme.
Das Problem ist für die Vereine – und das ist im Sport nicht anders wie in Politik, Gesellschaft, Yellowpress – dass die Masse an Blogs den Ruf ruiniert. So lange jeder Volldepp über deinen Verein einen “Blog” unerhält, kann man die Blogs nicht ernst nehmen. Die ganz, ganz wenigen guten Blogs leiden unter der Masse. Und bei allem verständlichen Ärger über den miserablen Sportjournalismus in Deutschland – so einfach ist die Rechnung nicht.
@tarango; danke für Deinen Kommentar; bin mir aber nicht sicher, ob Deine grobe Schätzung, dass „95 % der Fußball-Blogs peinlicher Mist“ sind, so hinkommt; ich könnte ein gutes Dutzend excellenter Fußball-Blogger aufzählen, die derzeit außen vor bleiben, während sich in der Tribüne reihenweise Herren mit Presseausweis tummeln, auf die Deine Einschätzung des „peinlichen Sportjournalismus“ tatsächlich zutrifft. Ich frage mich, warum eigentlich immer die Qualität der Blogger in Frage steht, nie die der „Professionellen“; der Presseausweis allein macht Einen ja noch nicht zu einem guten Journalisten. Überhaupt scheint mir diese strikte Trennung Amateur / Profi (und als Kriterium, das die Spreu vom Weizen trennt, solle dann ausgerechnet auch noch der Presseausweis herhalten) obsolet; wer´s drauf hat oder nicht, – das erkennt man doch daran, was der Betreffende zeigt; und nicht daran, ob er einen Mitgliedsausweis in der Tasche hat oder nicht.
@karsten: Die 95 % sind natürlich nur “gefühlt” und absolut subjektiv. Sagen wir, es gibt tatsächlich ein Dutzend qualitativ wirklich guter Fußball-Blogs, so stehen denen bestimmt hunderte, vielleicht tausende extrem amateurhafte Blogs entgegen, in denen es vor Rechtschreibfehlern und hohlen Phrasen nur so wimmelt. Es ist aber auch schwer, die genaue “Masse” zu erfassen.
Warum die Qualität der sog. “Profis” so selten hinterfragt wird, ist eine sehr berichtigte Frage. Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass es bei jedem Bundesligaspiel eine Reihe von Sport-”Journalisten” gibt, die sich schon vor der Partie gedanklich mehr mit dem anschließenden Pils im VIP-Raum befassen als mit dem Spiel selbst – und so sehen dann eben auch die Berichte aus. Ein Presseausweise macht noch lange keinen guten Journalisten, völlig richtig. Und ich denke auch, dass in keinem Ressort so viele Dilettanten, Voll-Alkoholiker und schwarze Schafe gibt, wie im Sportjournalismus. SZ-Sportredakteur Thomas Kistner hält einen Großteil seiner Kollegen für “Fans, die es über die Bande geschafft haben”. Nur. Wäre das bei vielen Bloggern nicht genauso?
Wenigstens ein paar Leute haben das “Problem Sportjournalismus” in den letzten Jahren begriffen und das Ganze zum Thema gemacht. Unter anderem gibt es inzwischen das “sportnetzwerk”. Und im Juli erscheint voraussichtlich ein Buch eines gewissen Simon Grünke, ursprünglich eine Diplomarbeit, mit dem Titel “Hofberichterstattung im System Sport. Ein expertengestützter Beitrag zur Analyse des Qualitätsproblems im Sportjournalismus”. Da kriegt man die Antworten.
@tarango: ich glaube, Du hast die Sache so ziemlich auf den Punkt gebracht und formulierst dabei besser als der Autor des Beitrags, den Du kommentierst; – bin mit fast allem einverstanden. Ich meine eben nur, dass man die Entscheidung, wer auf die Tribüne darf, Spieler- oder Trainer-Interviews kriegt, nicht am Presseausweis festmachen sollte, sondern an der Qualität seiner Arbeit.





Dass der DFB ein verknöcherter Apparat ist, weiß man ja schon lange. Und letztlich bekommt jeder die Berichterstattung, die er verdient. Innovationen kommen im deutschen Fußball (und das nicht nur auf dem Platz) meistens 5-10 Jahre später an. Na gut, beim kicker sind sie bis heute noch nicht angekommen. Erfrischend ist da schon das Magazin 11Freunde. Genau genommen hat Deutschland auch die Chancen der WM im eigenen Land verschlafen um sich in seiner Außendarstellung zu modernisieren.
Letztlich kann man aber vielleicht sogar froh sein, dass der Verband und die Vereine den Bloggern Unterstützung versagen. Vereine, die ihren Fans verbieten, bestimmte Plakate mit ins Stadion zu nehmen und damit die Außendarstellung “ihrer Kurve” manipulieren, sollten lieber keinen Einfluß auf Blogs nehmen. Wenn man es so sieht, dann bieten Blogs und Foren einmalige Chancen, sich unabhänging von den Strukturen des deutschen Fußballs und seines Haus- und Hofblattes kicker kritisch zu äußern.
Alles hat, wie so oft, zwei Seiten!