Gastfreundschaft 2.0 – Kulturenzusammenführung über das Couchsurfing-Netzwerk
(Regine Heidorns Couchsurfing-Artikel aus unserer Preview-Ausgabe):
Daß das Internet sich hervorragend dazu eignet, internationale Kontakte zu pflegen und Reisen zu organisieren, wissen wir nicht erst seit dem Facebook-Boom: schon in den frühen Tagen des Netzes wurden z. B. Ferienwohnungen getauscht. 1999 registrierte Casey Fenton die Domain couchsurfing.com, um ein Gastfreundschaftsnetzwerk einzurichten.
Die Idee ist einfach: die Mitglieder bieten sich gegenseitig Übernachtungsplätze in ihren Wohnungen an. Das reicht vom eigenen Gästezimmer über einen Schlafsackplatz zum geteilten Bett. Und setzt ein gewisses Vertrauen voraus: Vertrauen zu den Netzwerk-Betreibern, Vertrauen zur Gemeinschaft und Vertrauen zu den einzelnen Mitgliedern. Dabei geht es um mehr als nur einen kostenlosen Schlafplatz. Im Vordergrund steht der kulturelle Austausch.
Aus der Anfrage und dem Couchsurfing-Profil lässt sich mit ein wenig Menschenkenntnis erahnen, wer da kommen könnte. Manchmal erreichen mich etwas verwirrte Couchsurfing-Anfragen. In der Regel liegt das an Sprachschwierigkeiten oder an kulturellen Mißverständnissen, die sich meistens schnell klären lassen. Im Profil findet sich eine Beschreibung des Couchsurfers mit seinen Vorlieben, seiner Couch und den Referenzen. Zusätzlich gibt es ein Bürgschafts-System. Indem ein Couchsurfer für einen anderen bürgt, erklärt er ihn für vertrauenswürdig. Sollte das Vertrauen sich später als nicht gerechtfertigt herausstellen, fällt das auch auf den Bürgen zurück.
Wenn man einen Couchsurfer als Freund wählt, kann man angeben, ob man ihn virtuell oder aus dem Real Life kennt und ob es eine positive Erfahrung war. Darüber hinaus eine Einschätzung, wie gut man ihn kennt, wie gut man meint, daß der andere einen selbst kennt und wieviel man ihm vertraut. Diese Angaben werden im Hintergrund verarbeitet. Bei Problemen kann man eine negative Referenz hinterlassen oder, falls nötig, einen der Couchsurfing-Botschafter einschalten. Diese versuchen, entweder zu vermitteln oder beobachten manche Mitglieder bis hin zum Ausschluß.
In den größeren Städten gibt es aktive Gemeinschaften, manchmal mit regelmäßigen Treffen, die einfachen Anschluß bieten, z. B. bei einem Filmabend oder einem Fußballturnier im Park. Die Couchsurfing-Botschafter kümmern sich um die Organisation der Treffen und sind Ansprechpartner bei Problemen: z. B. bei Zweifeln, ob man jemanden aufnehmen sollte oder nicht oder einfach nur, um Kontakt zu anderen Couch-Anbietern herzustellen.
Ein guter Couchsurfer fragt nicht einfach nur an, ob ein Schlafplatz für ihn frei wäre. Viele erzählen in ihrer Anfrage über ihre Reise und ihre Erwartungen. Meistens bringen sie ein Gastgeschenk mit, so konnte ich Kräuterlikör aus Riga kennenlernen oder Kernöl aus der Steiermark. Im letzten Jahr waren bei mir ca. 70 Couchsurfer zu Gast, die ganz unterschiedliche Bedürfnisse hatten. Angefangen bei einer Gruppe von 3 Türken, die abends loszogen, früh morgens wieder eintrudelten und den ganzen Tag schliefen. Oder der Brite aus Cambridge, Reiseschriftsteller, der dauernd nach dem Weg gefragt wurde. Abends war meine erste Frage: „Wie oft wurdest Du heute nach dem Weg gefragt?“ „Oh, nicht so viel, ca. 5 mal.“ „Wie reagieren die Leute, wenn Du ihnen sagst, daß Du selbst Tourist bist?“ „Sie fragen auf Englisch nach dem Weg.“ Über Neujahr hatte ich 4 Österreicher zu Gast, wir hatten lange Spiele-Abende mit guter Unterhaltung.
Manchmal wird auch nur um ein Treffen auf einen Kaffee oder ein Bier angefragt, so wie von Lorenzo und Sara aus Nord-Italien. Mein Profil verriet italienische Sprachkenntnisse und die Referenz, die sie mir hinterliessen, erzählt von dem Abend in der Friedrichshainer Kneipe mit dem selbstgebrauten deutschen Bier und der italienischen Kartenspielrunde. Auch ihr Sohn hat ihnen eine Referenz hinterlassen: „Meine Eltern sind smart und mitfühlend. Sie können Euch die besten Plätze zeigen und das Gefühl geben, zu Hause zu sein. Sara ist fürsorglich und süß, Lorenzo ist ein guter Mann, gesund und weise. Lern sie kennen!“ Natürlich gibt es auch eine Bewertung der Eltern für den Sohn: „Federico ist unser lieber Sohn. Er ist friedlich, easygoing, lazy, kluger Junge. Wir empfehlen ihn sehr.“ Diesen Sommer werde ich sie besuchen und vielleicht auch den Sohn kennenlernen.
Wer gerne auf Reisen ist und dabei nicht nur die üblichen Sehenswürdigkeiten abklappern möchte, ist auf Couchsurfing gut aufgehoben. Die Teilnahme ist kostenlos, das Netzwerk finanziert sich über Spenden der Mit-glieder und ehrenamtliche Tätigkeit. Die Anmeldung geht einfach. Für den Einstieg sollte man sein Profil möglichst gut ausfüllen, insbesondere die Angaben über die Couch, die man anbieten möchte, sind wichtig. Dazu gibt es von Couchsurfing Stichpunkte, etwa: Ist die Couch in einem eigenen Zimmer? Gibt es Haustiere? Ist es ein Raucher-Haushalt? Wieviele Tage sind unproblematisch? Welches Geschlecht soll ein potentieller Couchsurfer haben?
Auch die Beschreibung der eigenen Vorlieben ist wichtig: hier kann man am besten sehen, ob man zueinander passt, ob sich Neugier auf einen Kontakt einstellt. Ist diese Neugier nicht vorhanden, sollte man nicht zögern, eine Anfrage abzulehnen. Eine solche Ablehnung ist im beiderseitigen Interesse, denn als Gast möchte man gerne das Gefühl haben, in der Wohnung des Anderen willkommen zu sein.
Die meisten Couchsurfer zeigen gerne gute Plätze und nehmen Fremde mit in ihre Freundeskreise. Sie interessieren sich für ihre Gäste. Diese sind froh über eine freundliche Aufnahme und zeigen gerne ihre Kultur, indem sie z. B. ein typisches Gericht kochen. Couchsurfing wird damit mehr als ein Gastfreundschaftsnetzwerk: es ist vielmehr ein interkultureller Kommunikationsraum. Und laut Statistik sind 99,79% der Referenzen positiv.
Mehr Information gibt es unter http://www.couchsurfing.org bzw. http://www.couchsurfing.org/about.html
Die Autorin ist als Informations-Architektin für das Berliner Exzellenzcluster Topoi tätig. Nach philologischen, ethnologischen und kulturwissenschaftlichen Studien, Radkurierfahrerei in Bremen und einer Ausbildung im Multimedia-Bereich in Berlin ist sie seit 2006 selbständig. Schwerpunkte: Informationsarchitektur, Webprogrammierung und digitale Geisteswissenschaften. Das obige Foto zeigt sie, ganz links, mit zwei Gästen aus Italien. – Der Text ist unter dieser CC-Lizenz nur Nutzung freigegeben. Quellenangabe: Regine Heidorn, Feed-Magazin.



[...] in 4 europäischen Ländern zu besuchen. Darunter z. B. auch das italienische Paar, das ich über Couchsurfing kennengelernt habe, zwischen Mailand und Gardasee. Das war zugleich der am weitesten von meinem [...]