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Youtube Built The Videostar – wie Nataly Dawn und Jack Conte sich selbst erfanden

von Karsten Marowski / 4 Kommentare
09.07.2010 um 23:24 Uhr

N´ Abend. Wir stellen Euch hier die Titelstory unserer Preview-Ausgabe online. Und jetzt kommt´s: Text und Bilder sind unter dieser Nutzungslizenz zur Weiterverwendung freigegeben: http://creativecommons.org/licenses/by/3.0/de/. Quellenangabe Text: Karsten Marowski, Feed-Magazin. Quellenangabe Bilder: Jeff Marini.

Ich surfe des Öfteren auf YouTube herum, überspringe in der Regel die Startseite und rufe über die Suchfunktion direkt meine Lieblingsbands auf. Hin und wieder klicke ich dann ein Video aus der Liste der ähnlichen Videos am rechten Seitenrand an, und entdecke bei solchen Gelegenheiten manchmal unglaubliche Sachen: Bands und Interpreten, von denen ich noch nie etwas gehört hatte und die manchmal so sensationell sind, dass ich mich frage, wie das möglich ist, dass ich von denen noch nie was gehört habe. Einer dieser glücklichen Zufälle war der Fund eines der Clips von Nataly Dawn und Jack Conte, die sich beide zusammen „Pomplamoose“ nennen. Ich weiß nicht mehr, auf welchen Wegen ich unterwegs war, als ich über die Videos der Beiden stolperte; ich erinnere mich nur noch, dass es mich vor Begeisterung vom Hocker gehauen hat.

Das erste Stück, auf das ich aufmerksam wurde, war glaube ich „Little Things“, das in vieler Hinsicht typisch für Natalys und Jacks Videosongs ist: akustisch wie optisch absolut originell – nicht wie etwas, was man sich erinnert, irgendwo schon mal gesehen oder gehört zu haben – , ein ausgefeiltes Arrangement, vor allem was Natalys Gesangsparts angeht, trotzdem eingängig, dabei Natalys brilliante Gesangsstimme; und Jack, der wechselweise eines oder auch gleichzeitig mehrere der Dutzend Instrumente spielt, die sich im Raum verteilen. Oft harmonisieren mehrere Natalys miteinander im Satzgesang; die unterschiedlichen Tonspuren werden dann in Split Screens optisch repräsentiert: ein Markenzeichen der Beiden. Bei Pomplamoose gibt es keine versteckten Sounds, keinen Playback-Gesang, kein Overdubbing. „What you see is what you hear“ lautet eine der Grundegeln, die in allen Pomplamoose-Videos befolgt werden.

Nataly und Jack halten engen Kontakt zu ihren Fans; so finden sich unter den Pomplamoose-YouTube-Clips immer wieder Videogrußbotschaften, Mitteilungen über neu erschienene Songs, eine Dokumentation der Ergebnisse eines Fan-Wettbewerbs um das schönste Pomplamoose-Plattencover. Auf unsere Mail mit der Bitte um Infos und Bildmaterial für einen Artikel über Pomplamoose bekamen wir innerhalb weniger Stunden Antwort, so dass wir Euch die Beiden hier in aller Ausführlichkeit vorstellen können.

Nataly Dawn und Jack Conte stellten schnell fest, dass sie auf derselben Wellenlänge tickten, als sie sich vor einigen Jahren auf der Stanford Universität in Kalifornien das erste Mal trafen. Die vielen gemeinsamen Interessen führten dann im Sommer 2008 schließlich zum gemeinsamen Projekt „Pomplamoose“. Den Bandnamen fand man kurzerhand, als eine von einem Frankreichbesuch zurückkehrende Freundin von dem lustigsten Wort berichtete, das sie dort gelernt habe: Pomplamoose (für amerikanische Ohren mag sich das Wort lustiger anhören als für deutsche). Nataly und Jack, heute 23 und 25 Jahre alt, produzieren Videosongs; und das mittlerweile so erfolgreich, dass sie nichts anderes tun als das. Das Erfolgsgeheimnis sind – neben der Tatsache, dass sie großartige Musik machen: Cover-Versionen.

Cover-Versionen von aktuellen Hits oder auch von Klassikern können, geschickt verschlagwortet, die Aufmerksamkeit von Michael Jackson-, Beyoncé- oder Lady Gaga-Fans auf die eigenen Songs lenken. Als Pomplamoose im Oktober 2009 Beyoncés „Single Ladies“ coverten, erhielten sie innerhalb kürzester Zeit mehrere Millionen Hits, – heute sind es 4,7 Millionen. Ashton Kutcher und Kilie Minogue tweeteten (heißt es „tweeteten“ oder „twitterten“?) über ihre Videos, die Band verkaufte in dem Monat fast 20.000 Songs und ihr 10-Stück-Album schoss in die Indie Billboard-Charts; woraufhin sie Angebote von den großen Major Labels – Warner, Sony, Universal, Atlantic Records – erhielten, – die sie allesamt ablehnten. Jack Conte ist der Meinung, dass die großen Plattenfirmen ihnen im Grunde nichts zu bieten haben. Die großen Label erfüllten heutzutage gar keine wirkliche Funktion mehr, und träten heute meist als general contractors auf, die andere Dienstleistungsunternehmen anheuerten, um die eigentliche Arbeit zu machen. Und er könne keinen Grund finden, warum man das große Label nicht einfach ganz beiseite lassen und die geeigneten Dienstleister selbst ansprechen sollte.

Außerdem ist das für Jack eine grundsätzliche Sache, über die er sehr leidenschaftlich werden kann. Bisher habe es immer Gatekeeper zwischen Künstlern und dem Publikum gegeben – erklärt Jack in einem Interview mit Jamie Freedman vom San Francisco Music Examiner – , Fernsehsender, die bestimmen, wer gespielt wird und wer nicht; Plattenfirmen, die bestimmen, wer eine Platte machen darf und wer nicht; heute sei es dank des Internets zum ersten Mal in der Geschichte möglich, direkt mit seinen potentiellen Fans in Kontakt zu treten. Das sei ein völliger Paradigmenwandel und seiner Meinung nach eine der begeisterndsten Dinge überhaupt. „Das Internet macht die Nische zu einem gangbaren Geschäftsmodell. Du kannst Verbindung mit Menschen auf der ganzen Welt aufnehmen, kannst Dich mit allen vernetzen und wirst auf diesem Planeten immer genug Leute finden, denen gefällt, was Du machst“, meint Jack.

Zu den Rahmenbedingungen eines solchen Geschäftsmodells gehören dann auch Dienste und Programme wie eJunkie oder iTunes, – neuerdings auch Youtubes „Musicians Wanted“ Programm, das Künstlern anbietet, Einnahmen durch neben deren Videos platzierter Werbung mit YouTube fiftyfifty zu teilen. Den meisten Umsatz machen Nataly und Jack zur Zeit noch mit iTunes, etwa dreimal soviel wie mit eJunkie; die Nachteile bei iTunes sind, dass Apple höhere Gebühren einstreicht als z. B. eJunkie und das man über iTunes nur komplette Alben vermarkten kann. „Wir produzieren jede Woche neue Songs, und wenn wir einen fertig haben, wollen wir nicht warten, sondern ihn JETZT draußen haben; also bringen wir ihn bei eJunkie raus; und wenn wir zehn voll haben, wird das Album bei iTunes veröffentlicht“, führt Jack aus.

Für einen Videosong brauchen die Beiden keine Woche Zeit: 2-3 Tage fürs Aufnehmen, Nataly sitzt dann ungefähr einen Tag am Videoschnitt; und dann posten. Gelegentlich kommen bei Pomplamoose auch abgefahrenere Aufnahmetechniken zum Einsatz. So arbeiten die Beiden immer wieder mit rückwärts abgespielten Sounds. Beim „Single Ladies“-Cover oder bei „Twice as nice“ wurden einzelne Tonspuren verlangsamt, so dass man alle Einzelheiten, „Körner“, hören kann, weshalb man diese Technik als „Granular Synthesis“ bezeichnet. Einige Songs haben bis zu 100 Ebenen oder sogar mehr; mehr als auf eine Pro Tools Session gehen.

Den Sound an sich bezeichnet Jack als organisch und roh, – „glitz-free“. Die gegenwärtige Musik- und vor allem die Band-Kultur empfindet er wie auf einen Sockel gehoben, es fühle sich alles irgendwie nach Fake an. Das muss nicht so sein, glaubt Jack, es kann alles auch ganz normal und greifbar. Pomplamooses Cover-Versionen sind ganz einzigartig, – einerseits unmittelbar als Cover er-kennbar, man erkennt das Original sofort wieder, andererseits in einer ganz eigenständigen Interpretation, die selbst wie ein Original wirkt. „Wir covern nur Songs, die uns selbst gefallen und versuchen nie das Original zu überbieten“, erklärt Jack. Für die Instrumentierung muss alles herhalten, was in Jacks Bude so rumsteht: Gitarren, Bass, Schlagzeug, ein uraltes Piano, ein Akkordeon, eine Melodica, ein Spielzeug-Saxophon, ein Glockenspiel, und was sich sonst noch findet, womit man unter Umständen Geräusche produzieren kann. Ausgebildete Musiker sind die Beiden nicht wirklich. Musik haben sie irgendwie immer schon gemacht; Nataly singt seit ihrer Kindheit – hat wohl auch etwas von ihrer Mutter mitbekommen, die Chorleiterin ist. Ansonsten hat man in Studium oder diversen Jobs aufgeschnappt, was man gebrauchen konnte, – Grundlagen in Tontechnik und Videoschnitt-Technik eben. Der Rest war „Learning by Doing“.

Pomplamoose haben mittlerweile Fans in der ganzen Welt. Bestellungen für ihre Dongles(ein USB-Stick mit Kopierschutzstecker auf dem sich alle MP3, Songtexte und Bilder befinden) erreichen die Beiden aus über 30 Ländern. „Wir bestreiten unseren Lebensunterhalt ausschließlich mit Musik, und das ohne überhaupt eine physische CD am Start zu haben“, bemerkt Jack. „Das Internet ermöglicht uns, uns vollständig auf die Musik zu konzentrieren, was irgendwie eine unglaubliche Sache ist“, sagt Nataly und ergänzt: „Ich hab das Gefühl, das viele Künstler mal mit uns reden sollten, oder wir sollten mal ein „how to“-Video herausgeben. Die Sache ist die: die Leute glauben immer, dass all das nur von Genies hinter riesigen Schreibtischen oder in Wolkenkratzern bewerkstelligt werden kann, aber Du kannst einfach online gehen und es selbst tun.“ – Wer Nataly Dawn und Jack Conte hören und sehen möchte: einfach auf YouTube gehen, „Nataly Dawn“, „Jack Conte“ oder „Pomplamoose“ eingeben und sich vom Hocker hauen lassen.




4 Kommentare zu Youtube Built The Videostar – wie Nataly Dawn und Jack Conte sich selbst erfanden


01 / von und » Twitter Trends
14. Juli 2010 um 18:18

Unsere Titelstory:…


[...] ich kürzlich nachgeschaut hatte, was denn eigentlich Nataly Dawn und Jack Conte, die wir in der Titelstory unserer Preview-Ausgabe vorgestellt hatten, zur Zeit eigentlich so machen. Die Beiden haben ein [...]


03 / von Joerg
18. Januar 2011 um 22:31

Guter Bericht. Danke. Habe Dich verlinkt…


04 / von Karsten
18. Januar 2011 um 22:55

Vielen Dank, Jörg,

auch für den Hinweis auf das neue Pomplamoose-Video; wir sind hier momentan dermaßen mit unserer aktuellen Print-Ausgabe beschäftigt, dass wir derzeit so gut wie nichts mitbekommen…

Liebe Grüße,
Karsten




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